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Schafe und Menschen

Da stehen sie - auf der Heide, auf dem Gras. Und fressen. Die Augen nach unten gerichtet - zum nächstgelegenen Halm, zum nächsten Zweiglein. Langsam bewegt sich die Herde über die ihr zugewiesene Weide. Gelenkt durch die grüne Fläche in Sichtweite, begrenzt durch unwegsames Gelände. Unbewusst bedacht, sich nicht weit vom Leithammel zu entfernen. Zueinander hin gezogen durch die tief sitzende Angst vor den Wölfen, die sie nie gesehen haben. Zueinander hin gedrängt durch die gehorsamen Hütehunde des Schäfers. Sie wissen, dass der Schäfer sich um sie kümmert, so dass sie nur zu fressen brauchen. Sie vertrauen ihm. Er kümmert sich darum, dass sie schön marmoriertes Fleisch entwickeln und entscheidet, wann es an der Zeit ist.

Hin und wieder entfernt sich ein Schaf von der Herde - mit oder ohne Absicht. Zunächst wird es von den dienstbeflissenen Hütehunden angebellt und danach gebissen. Falls es willentlich dennoch entkommt, läuft es Gefahr, tatsächlich von den Wölfen gerissen zu werden, deren Gestalt und Verhalten es nun selbst kennenlernt. Solange das nicht passiert, muss und darf das Schaf seinen Weg selbst suchen - ohne Leithammel, ohne Hütehunde. Es muss seinen Kopf oft nach oben richten und sieht viele Dinge, erkennt einige und versteht ein paar, die die anderen Schafe nicht interessieren. Es gewöhnt sich daran, durch unwegsames Gelände zu steigen, um sich mühsam zu nähren und nicht mehr Teil der Herde zu sein. Es hat die Chance, ein langes Leben voller Blessuren und schwerer Verwundungen zu führen. Es bleibt zwar ein Schaf, doch mit einer anderen Weltsicht. Ihm wird schmerzlich klar, was es bedeutet, ein Schaf zu sein. Ein Zurück zur Herde ist nach einiger Zeit ausgeschlossen. Es würde von seinen ehemaligen Mitschafen nicht mehr als ihresgleichen akzeptiert und daher nicht aufgenommen werden.

Diejenigen Schafe, die im Zentrum der Herde bleiben, sind am besten vor den Wölfen geschützt. Sie fühlen sich am sichersten. Sie wären am sichersten. Wenn es nicht denjenigen gäbe, der die Weide und die Schafe sein Eigen nennt und für den der Schäfer arbeitet.